Jugendschutz im Internet

Im Zusammenhang mit dem neuen Jugendmedienstaatsvertrag werden die Möglichkeiten eines effektiven Jugendschutzes im Internet diskutiert. Es gibt dabei einige falsche Grundannahmen:

1. Jugendschutz ist wie Rundfunk zu behandeln

Was manche in der politischen Diskussion bis heute nicht begriffen haben, ist, dass die Kommunikationsstrukturen von Rundfunk und Internet sich fundamental unterscheiden. Beim Rundfunk höre oder sehe ich als Konsument zu. Beim Internet kann der User sich selbst innerhalb eines schier unerschöpflichen Fundus an Inhalten umschauen und gezielt sich dessen bedienen, was er möchte. Da Rundfunkinhalte meistens innerhalb eines nationalstaatlichen Rahmens zur Verfügung gestellt werden, kann die Bereitstellung auch von Nationalstaaten geregelt werden. Im Internet geht das einfach nicht. Zeitliche Begrenzung von Inhalten (die berühmte Regel „Erotik erst ab 22:00 Uhr“) lassen sich mit deutschem Recht auf ausländischen Servern nicht durchsetzen. Das dürfte für die meisten Leser dieser Zeilen banal sein, ist aber noch nicht in allen Köpfen der politischen Entscheider angekommen. Womit wir zur nächsten falschen Grundannahme kommen:

2. Jugendschutz muss durch staatlich reglementierte Filterung der Internetinhalte auf Providerseite sichergestellt werden

Netzsperren 2.0, jetzt aber zum Schutze der Jugend? Falscher Ansatz, Ziel verfehlt. So wirkungslos Netzsperren bei Kinderpornografie sind, so wirkungslos sind sie auch als Jugendschutzmassnahme. Inhalte, die im Netz vorhanden sind können auch aufgerufen werden. Immer. Überall. Aber auch folgender Umkehrschluss ist falsch:

3. Jugendschutz muss durch Medienkompetenz ersetzt werden

Funktioniert nicht. Es ist doch unumstritten, dass Konsum von jugendgefährdenden Inhalten eben nicht umsonst das Prädikat „jugendgefährdend“ hat. Eine Medienkompetenz wird keine Menschen, egal wie alt sie sind, unempfindlich für den Reiz des Verbotenen machen. Es tut mir für die Anhänger der totalen „Freiheit des Netzes“ leid, aber: Die Freiheit muss dort eingeschränkt werden, wo sie für junge Menschen in deren Entwicklung gefährdend ist.

Daraus folgt: Nutzerautonome Filterung

Meiner Meinung nach die einzig logische Schlussfolgerung: Wenn man sich einig ist, dass es jugendgefährdende Inhalte gibt, und man zudem erkannt hat, dass man Inhalte nicht im Netz(zugang) durch staatliche Reglementierung und auch nicht in den Köpfen Jugendlicher durch Medienkompetenz filtern kann, dann bleibt nur die Möglichkeit übrig, Inhalte direkt auf dem eigenen Rechner zu filtern, also nutzerautonom.

Überforderung der Eltern

Bleibt es also den Eltern überlassen, dafür zu sorgen, dass ihre Sprösslinge zu Hause auf dem Familienrechner nur die Dinge konsumieren, die ihrem Alter angemessen sind? Die Techniken dafür sind ja in allen Betriebssystemen bereits vorhanden – mal mehr mal weniger benutzerfreundlich. Damit dürfte der größte Teil der Elternschaft dennoch überfordert sein; und man kann ihnen deswegen keinen Vorwurf machen. Im IT-Bereich sind seit den Tagen des C64s schon 12-jährige ihren Eltern meilenweit voraus. Eltern brauchen also Hilfe von aussen, um ihre Fürsorgepflicht nachkommen zu kommen. Und hier könnte der Staat eine konstruktive Rolle übernehmen:

Der Staat als konstruktiver Akteur im Jugendschutz

So wie es heute schon für Filme FSK-Einstufungen gibt, so könnte man eine ebensolche Kontrolle für die Internetwirtschaft einführen. So können Internetangebote, die dies wollen, ein Label „frei ab x Jahren“ bekommen. Man kann neben dem Angebot noch andere Verpflichtungen verknüpfen, bspw. Der Beitritt zu einem System von stichprobenartigen Kontrollen. Ein Verstoß gegen die Rahmenbedingungen dieser Internet-FSK muss dabei allerdings hart geahndet werden, da es deutlich leichter ist, als z.B. Im Filmgeschäft, einmal geprüfte Angebote zu verändern. Der Staat kann nun eine ständig aktualisierte Whitelist führen, die vom Rechner daheim geladen wird. Die Filterung findet innerhalb der eigenen vier Wände statt, ohne dass irgendeine staatliche Stelle weiter involviert ist. Das entspricht genau der Filterung aller anderen Medien (Videos, Fernsehangebote etc.). Die letztendliche Entscheidung, was gesehen werden darf und was nicht, treffen die Eltern.

Jugendschutz – durchgesetzt von den Eltern

Der Staat muss vorschreiben, dass alle vertriebenen Betriebssysteme ein standardisiertes Verfahren zur Filterung haben. Ein „Elternhandbuch“ sollte verpflichtend sein. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, weiterhin Betriebssysteme zu installieren, die diese gesetzlich vorgeschriebene Filterung nicht haben – wer diese allerdings selbst installiert und nutzt, ist als Eltern auch internetaffin genug, Einschränkungen des Konsums von jugendgefährdenden Inhalten durchzusetzen. Bei der oben vorgeschlagenen Whitelist geht es mir um die große Masse derjenigen Eltern, die ihrem Nachwuchs einen Rechner vorsetzen ohne selbst sich wirklich damit auszukennen.

Warum keine Blacklist?

Eine Blacklist, die nur auflistet, welche Seiten nicht angeschaut werden sollten, funktioniert nicht. Dafür ist das Angebot in Netz einfach zu groß.

Einschub: Anmerkung zum Staat

Ich schreibe immer wieder vom „Staat“ als Akteur. Mir ist dabei bewusst, dass es staatliche Akteure auf verschiedenen Ebenen gibt. Ich bin der Meinung, dass im Zusammenhang mit Jugendschutz im Internet die europäische Ebene die sinnvollste wäre.

Und was ist mit nicht-klassifizierten Seiten?

Was ist mit der Filterung, wenn die ganze Familie sich das Fotoalbum der Großeltern im Netz anschauen will, oder die Kinder selber eigene Seiten erstellen, die sie dann auch den gleichaltrigen Freunden präsentieren wollen? Kurzum, es kann natürlich Seiten geben, die sich keiner Prüfung unterzogen haben, und deren Besuch die Eltern dennoch erlauben wollen. Die Lösung ist ganz einfach: Da die Filterung per Whitelist komplett nutzerautonom, also auf dem eigenen Rechner erfolgt, kann sie natürlich auch jederzeit durch die Eltern erweitert werden.

Schwachpunkte des vorgeschlagenen Jugendschutzsystems

Jede Art der Filterung von Inhalten kann umgangen werden. Kinder können die Zugangsdaten für die Filtermechanismen herausfinden, Eltern können Jugendschutz im Internet auch schlicht zu lästig finden … Dennoch ist es nicht Aufgabe des Staates, hier den Eltern die Verantwortung abzunehmen. Sie können nicht von ihrer Pflicht befreit werden, sich darum zu kümmern, welche Inhalte ihre Kinder konsumieren. Aber auch nur die Eltern haben das Recht, Inhalte zu filtern.

Kurzfassung des vorgeschlagenen Jugendschutzes

– Anbieter von Internetangeboten können eine Altersfreigabe beantragen.

– Der Staat führt eine Whitelist.

– Alle Betriebssysteme müssen eine Software installiert haben, die diese Whitelist zur Filterung benutzt.

– Diese Filtersoftware muss in ihrer Bedienung standardisiert sein.

– Eltern müssen die Whitelist erweitern können.

7 Antworten auf „Jugendschutz im Internet“

  1. Ein sehr guter Vorschlag, wie ich finde. Ein einziger kritischer Punkt ist mir aufgefallen, den man vielleicht noch ansprechen sollte, da auch er in dem Konzept kein Problem darstellt:

    Staatliche Willkür bei der Erstellung der Whitelist (z.B. Ausgrenzung politisch unwillkommener Gruppen oder Aufnahme umstrittener Websites) kann dadurch eingedämmt werden, dass die Whitelist durch die klassischen und modernen Medienakteure kontrolliert werden kann. Das bewahrt zwar nicht vor schwierigen Entscheidungen, welche grenzwertigen Seiten man aufnimmt oder nicht, aber diese Entscheidungen können öffentlich thematisiert werden – bspw. im Gegensatz zu den Sperrlisten bei den Netzsperren.

  2. Guter Punkt! Ich hatte das mit „Internet-FSK“ gemeint, hätte aber deutlicher machen können, dass die Erstellung der Whitelist von einer staatsfernen Institution erstellt werden sollte.

  3. Der Staat führt eine Whitelist?! Neben der Frage der Praktikabilität frage ich mich ob eine Whitelist nicht deutlich mehr ungerechtfertigte Zensuropfer hat als eine Blacklist (die genausowenig funktioniert aber wenigstens nicht das halbe Internet unzugänglich macht).

  4. Es handelt sich nicht um eine Zensur, denn diese Liste kann ja von jedem Bürger auf dem eigenen Rechner ausgeschaltet werden – die entsprechenden Benutzerrechte vorausgesetzt.
    Auch soll ja nicht eine staatliche Stelle sondern eine Art „Internet-FSK“, also eine staatsferne Institution die Seiten auf dieser Whitelist festlegen. Wie ich schon im Kommentar zuvor bemerkt habe, ist das in meinem Artikel vielleicht nicht deutlich genug herausgekommen.

  5. Blacklists sind kontraproduktiv und abzulehnen, da muss ich Ihnen zustimmen. Allerdings sehe ich auch bei Ihrem Whitelist-Ansatz einige mögliche Probleme.

    „Anbieter von Internetangeboten können eine Altersfreigabe beantragen.“

    Und keiner wirds tun. Insbesondere wenn man die von Ihnen angesprochenen harten Strafen betrachtet – wer sollte das Risiko eingehen (hoffentlich nur) versehentlich ein Altersfreigaben-Kriterium zu verletzen?
    Weiterhin angenommen derartige Verahren würden international üblich, so würde das bedeuten das ich als Seitenbetreiber in jedem Land eine neuen Altersprüfung beantragen muss (womöglich auch noch kostenpflichtig).
    Die Folge wäre ein derartig stark beschnittenes Netz, das ich es nichtmal mehr filtern würde, sondern meinen Kidndern einfach die 3 Seiten die sie noch sehen dürfen auf einen USB-Stick kopieren würde.

    „Eltern müssen die Whitelist erweitern können“

    Aber die Kinder werden’s tun 😉
    Im Ernst, selbst bei einem Elternhandbuch – ich bin mir mehr als sicher, das die Whitelist in vielen Haushalten eher durch die Kinder als durch die Eltern administriert werden würde.
    Spätestens dann, wenn die kleinen jeden Tag mit ner Liste aus 50+ URLs zu ihren Eltern laufen werden die meisten Ihren Kindern zeigen wie sie die selbst whitelisten können.
    Ausserdem… wer programmiert den die Videorecorder in den Haushalten? 😉

    „Alle Betriebssysteme müssen eine Software installiert haben, die diese Whitelist zur Filterung benutzt.“

    Zumindest in der Formulierung halte ich das für kritisch. Nicht nur „private Internet PCs“ haben Betriebssysteme. Eine Verpflichtung würde ja bedeuten das jeder Server, jedes Ebedded Device, auch jedes kritische System zwangsweise mit Filtersoftware ausgestattet werden muss. Also beispielsweise auch die berühmte Waschmaschine, Flugzeuge, Autos, usw..
    Weiterhin verbitte ich es mir mein System zwangsweise durch von mir nicht gewünschte Software zu „verschmutzen“. BTW: Wo kommt denn diese Software dann her? Unter welcher Lizenz soll diese Software stehen? Wenn die nicht wenigstens als Open-Source daherkommt werde ich mir einen Zwangsbetrieb mehr als verbitten. Könnte ja jemanden die Idee gekommen sein das bei der Gelegenheit noch ein paar andere (vom User unerwünschte) Funktionalitäten in der Software implementiert werden könnten.

    „Diese Filtersoftware muss in ihrer Bedienung standardisiert sein.“

    Ist in Kombination mit der Zwangsinstallation bzw. dem Zwangsbetrieb wenig sinnvoll. Ich selbst habe hier Rechner in allen Varianten und mit verscheidensten Betriebssystemen rumstehen. Einige davon haben beispielsweise keine Möglichkeit einen Monitor zu betreiben, keine Mauseingabe, teilweise nichtmal Tastatur. (und manche auch nicht aussreichend Speicher zum Betrieb einer verpflichtenden, unerwünschten zusätzlichen Software)

    „Der Staat führt eine Whitelist.“

    Klingt in Kombination mit der nutzerautonomen Administration erstmal nicht schlecht, aber so ganz gefallen will’s mir trotzdem nicht.
    Wer kommt auf diese Whitelist dann drauf? Nur derjenige der eine Altersfreigabe beantragt hat? Wenn nicht, wer pflegt die Liste? (Neue Behörde? Finanzierung?) Wie wird sichergestellt das es nicht zu (beabsichtig oder unbeabsichtigt) einseitiger Wirtschaftsförderung kommt?

    Oops.. Das Posting ist länger geworden als gedacht.
    Ich bin mir sicher einiges war anders gedacht als es hier geschrieben steht (z.B. „Alle Betriebssysteme…“), aber so stehts hier nicht. Nichts für ungut, aber da musste ich ein wenig Kritik einwerfen.

    Grundsätzlich finde ich aber den Weg die Verantwortung in Elternhand zu belassen/rückzuführen und die „kleinen“ behutsam an die Erwachsenenwelt heranzuführen als Sinnvoll.

  6. Klar, ein Whitelist-Ansatz, der in einem Blogpost schnell mal vorgestellt wird, kann nicht vollständig ausgearbeitet sein 😉

    Vielleicht noch einmal zum Begriff „Alle Betriebssysteme“. Damit meinte ich natürlich nur die handelsüblichen Rechner, die man beim Elektroladen um die Ecke kaufen kann, nicht das Betriebssystem einer sprechenden Waschmaschine …
    Ich denke, das kann man ganz gut eingrenzen: Bspw. in dem man die gleichen Kriterien nimmt, die heute schon beschreiben, wann man für einen Rechner GEZ-Gebühren zahlen muss. Nicht falsch verstehen, ich halte die Belegung von Rechnern mit GEZ für ziemlichen Humbug, zeigt aber in dem Zusammenhang, dass man die Rechner, auf denen eine Jugendschutzsoftware installiert sein müsste, eingrenzen könnte.

    PS: @noergler: Sorry, dass ich den Kommentar erst so spät freigeschaltet habe …

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